Anlagestrategie Schwarmintelligenz?

Anlagestrategie Schwarmintelligenz?

Taugt Schwarmintelligenz als Anlagestrategie? Kann man ein Aktien-Vermögen aufbauen, indem man einfach die Aktien kauft, die alle anderen kaufen? Wir haben einmal nachgeforscht…

Wir verfolgen momentan das Geschehen auf rund 60 Finanzblogs. Bei deren Lektüre entsteht der Eindruck, dass es eine Schnittmenge von Unternehmen gibt, die alle Finanzblogger in ihren Depots haben. Daher haben wir uns die nicht ganz ernsthafte Frage gestellt, ob es eine Anlagestrategie sein könnte, einfach per Schwarmintelligenz in die Unternehmen zu investieren, die alle besitzen. Das wäre doch einfach und bequem und würde uns viel Zeit, die wir mit Recherche und Analysen verbringen, sparen.

Vor diesem Hintergrund haben wir im Februar über mehrere Wochen eine hübsche Tabelle erstellt, in der wir die Depots von aktuell 32 Finanzbloggern, inklusive unserem eigenen Aktiendepot, erfasst haben.

Auswertung Anlagestrategie Schwarmintelligenz
Auswertung zur Anlagestrategie Schwarmintelligenz: Welche Unternehmen befinden sich in den Depots von Finanzbloggern?

Zielsetzung und Vorgehen

Unsere “gefühlte” These lautete, dass es vielleicht 100 Unternehmen gibt, in die Finanzblogger investieren. Darüber hinaus könnte es eine Schnittmenge von gefühlten 20 Unternehmen geben, die sich in der Mehrheit aller Portfolios befinden. Daraus ließe sich die These ableiten, dass diese Schnittmenge von allen Finanzbloggern sorgfältig ausgewählt wurde und somit ein Optimum aus Kurswachstum, Dividendenrendite und Dividendenwachstum bieten könnte.

  • Fragestellung 1: Wie viele verschiedene Unternehmen befinden sich in den Depots der Finanzblogger?
  • Fragestellung 2: Mit welcher Häufigkeit befinden sich Unternehmen in mehreren Depots?
  • Fragestellung 3: Handelt es sich bei den Unternehmen, die sich am häufigsten in den Depots der Finanzblogger befinden, um “gute” Investitionen?

Damit wir diese Fragestellungen beantworten können, haben wir die Finanzblogs aufgesucht und geprüft ob die Autoren ihre Depots veröffentlicht haben. Sofern dies der Fall war, haben wir die Unternehmen erfasst, die zum Zeitpunkt unseres Besuchs gelistet wurden. Wir haben ausschließlich Unternehmen erfasst und Fonds, ETFs oder andere Anlageprodukte ignoriert

Zusätzlich haben wir, sofern angegeben, den Depotwert erfasst. Performanceangaben haben wir ebenfalls außen vor gelassen, da diese zu sehr durch die Haltedauer beeinflusst sind und immer nur eine Momentaufnahme darstellen.

Zu allen Unternehmen haben wir anschließend aus den uns zur Verfügung stehenden Quellen die aktuellen Kurse, 52-Wochen-Hoch und -Tief sowie Dividendenrendite, -wachstum und die Ausschüttungsquote ergänzt. Aus Dividendenrendite und -wachstum haben wir die sogenannte Chowder-Number und einen Geldwert in 10 Jahren berechnet.

Der Geldwert in 10 Jahren, ist vereinfacht gesagt, die Dividende, die man in 10 Jahren erhält. Dabei berechnen wir diesen Wert fiktiv auf einen Einheitswert um ihn unternehmensübergreifend vergleichbar zu machen.

Erkenntnisse

Die Anzahl der Unternehmen, in die Finanzblogger investieren, ist erheblich größer als wir annahmen. Die 32 Depots, die wir untersucht haben, enthielten insgesamt 419 verschiedene Unternehmen. Ein durchschnittliches Depot enthält 40 Unternehmen, was sich mit unserem vorherigen subjektiven Eindruck deckt. Im Durchschnitt sind die untersuchten Depots 276.000 Eur/Dollar wert.

Die Streuung der Anzahl der Unternehmen pro Depot reicht von Beteiligungen an 16 bis zu 142 Unternehmen. Bei dem Spitzenreiter hatten wir den Eindruck, dass er bereits die Anlagestrategie Schwarmintelligenz verfolgt und einfach alles kauft, was irgendwo Erwähnung findet. 😉

Die Schnittmenge der Standard-Unternehmen ist deutlich kleiner, als angenommen. Darüber hinaus liegt die Konzentration bei Unternehmen, mit denen wir nicht unbedingt gerechnet hätten. Beziehungsweise es gab keine Konzentration bei aktuellen Hype-Unternehmen, die wir eigentlich erwartet hätten.

Nur 223, also knapp über die Hälfte der Unternehmen, befinden sich überhaupt in mehreren Depots. Die überschaubare Schnittmenge der Unternehmen, welche sich in mindestens 50 Prozent der untersuchten Depots befinden, bilden die folgenden 9 Unternehmen:

Platz 1: AT&T – 25 Depots / 78%
Platz 2: 3M – 23 Depots / 72%
Platz 3: Johnson & Johnson – 22 Depots / 69%
Platz 4: Procter & Gamble – 19 Depots / 59%
Platz 5: McDonalds und Starbucks – 18 Depots / 56%
Platz 6: Altria, Coca-Cola und Pepsi – 17 Depots / 53%

Ist das Ergebnis ein Ausdruck von Schwarmintelligenz?

Handelt es sich bei diesen 9 Unternehmen denn nun um “gute” Investments? Liegt hier tatsächlich Schwarmintelligenz vor? Und wäre es eine gute Strategie in diese 9 Unternehmen zu investieren?

Dafür müssen wir uns zunächst auf eine Definition eines “guten” Investments einigen. Da wir uns thematisch mit der Dividendenstrategie beschäftigen, möchten wir die Maßstäbe, die wir für die Erzielung eines langfristig stabilen und wachsenden Dividendenstroms an Unternehmen anlegen, verwenden. Dabei konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Kennzahlen, die die Dividende betreffen und lassen andere Finanzkennziffern außer acht. Diese einzubeziehen würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen.

Somit erwarten wir eine Dividendenrendite von mindestens 3%, ein Dividendenwachstum von mindestens 4%, eine Chowder-Number von mindestens 10 und einen Geldwert in 10 Jahren von mindestens 50 Cent. Dazu fordern wir eine Ausschüttungsquote, die 70% nicht übersteigt.

Dabei bewegen sich die hier angelegten Grenzwerte unter den Durchschnittswerten der 419 Unternehmen, die wir in den untersuchten Depots fanden. Die durchschnittliche Dividendenrendite beträgt 4,32%, das Dividendenwachstum 7,77%, die Chowder-Number 11,25 und der Geldwert in 10 Jahren 77 Cent. Die durchschnittliche Ausschüttungsquote beträgt 59%.

Einzig 3M erfüllt alle von uns aufgestellten Kriterien.

  • AT&T verfehlt unsere Erwartung an das Dividendenwachstum und die Chowder-Number
  • Johnson & Johnson verfehlt unsere Erwartung an die Dividendenrendite, die Chowder-Number und den Geldwert in 10 Jahren
  • Procter & Gamble verfehlt unsere Erwartung an die Dividendenrendite, das Dividendenwachstum, die Chowder-Number und den Geldwert in 10 Jahren
  • McDonalds verfehlt unsere Erwartung an die Dividendenrendite und den Geldwert in 10 Jahren
  • Starbucks verfehlt unsere Erwartung an die Dividendenrendite
  • Altria verfehlt unsere Erwartung an die Ausschüttungsquote
  • Coca-Cola verfehlt unsere Erwartung an die Dividendenrendite, die Ausschüttungsquote, die Chowder-Number und den Geldwert in 10 Jahren
  • Pepsi verfehlt unsere Erwartung an die Dividendenrendite und den Geldwert in 10 Jahren

8 von 9 Unternehmen schneiden in mindestens einem Kriterium schlechter ab als der Durchschnitt. Nur ein einziges von 9 Unternehmen erfüllt alle Parameter, die wir bei einem idealen Unternehmen erwarten würden. Und ob 3M deshalb ein “gutes” Investment ist, in das man blind investieren kann, würden wir nicht uneingeschränkt bejahen.

Selbstverständlich ist uns bewusst, dass es sich um willkürlich gewählte Parameter handelt, die sich teilweise gegenseitig beeinflussen.

Darüber hinaus gibt es Faktoren, die wir hier nicht berücksichtigt haben. Beispielsweise spielt die Kursentwicklung durchaus eine Rolle. Auch die Dauer mit der ein Unternehmen ununterbrochen Dividenden zahlt und steigert kann ein Faktor sein.

Wir würden daher nicht soweit gehen zu behaupten, dass die genannten Unternehmen kein “gutes” Investment sind. Das muss am Ende jeder für sich beurteilen.

Wir denken aber durchaus, dass man ableiten kann, dass die Auswahl dieser 9 Unternehmen eher kein Ausdruck einer Schwarmintelligenz ist. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass die Auswahl der Unternehmen eher unter dem Aspekt erfolgt ist, dass es sich überwiegend um Unternehmen handelt, die aufgrund ihrer langen Dividendenhistorie als sichere Häfen gelten.

Taugt Schwarmintelligenz als Anlagestrategie?

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass wir mit unserer kleinen, pseudowissenschaftlichen Studie keine Schwarmintelligenz aufdecken konnten. Damit lässt sich die Frage ob sich eine solche als Anlagestrategie eignet nicht aus unserer Untersuchung beantworten.

Wie Eingangs erwähnt, war die Fragestellung ohnehin nicht wirklich ernst gemeint. Wir waren mehr von der Neugier getrieben, in welche Unternehmen andere Finanzblogger investieren. Außerdem erhoffen wir uns bei der weiteren Auswertung das eine oder andere Unternehmen neu zu entdecken, welches für eine Investition in Frage kommt.

Persönlich glauben wir, dass es keine gute Anlagestrategie sein kann ohne eigene Recherche in das zu investieren, was andere kaufen. Zu vielfältig sind die individuellen Kenntnisse, Erfahrungen und Ziele der handelnden Personen. Außerdem erfolgt eine Investitionsentscheinung immer im Kontext eines bestimmten Zeitpunkts. Schon am nächsten Tag kann die Entscheidungsgrundlage eine andere sein.

Für diejenigen, die den Recherche-Aufwand für die Auswahl einzelner Unternehmen vermeiden möchten, stehen beispielsweise ETFs als alternative Anlageform zu Verfügung.

 

DISCLAIMER: Sämtliche Zahlen und Angaben basieren auf unseren eigenen laienhaften Recherchen und Berechnungen. Wir erheben keinerlei Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit. Sie sind nicht zur Wiedergabe oder Verwendung an anderer Stelle geeignet. In keinem Fall sollten auf der Basis dieser Zahlen und Angaben Investitionsentscheidungen getroffen werden. Wie immer gilt: Du bist vollständig für Dein Handeln selbst verantwortlich und wir übernehmen keinerlei Haftung.